1900 Gründung der Handwerkskammer

Das Handwerk in den Städten war seit dem Mittelalter in Gilden organisiert. Während der französischen Besatzungszeit (1807–1813) wurden die Gewerke nach französischem Recht neu geordnet. Durch die Gildenordnung von 1821 wurden diese Änderungen jedoch wieder rückgängig gemacht.

Während der nachfolgenden Industrialisierung verlor das Handwerk in der Gesamtwirtschaft zunehmend an Bedeutung. Die innere Geschlossenheit der Gewerke nahm ab. Im Gegenzug forderte der Braunschweiger Handwerkerkongress in Wolfenbüttel 1848 die Bildung einer Gewerbekammer – jedoch ohne Erfolg. Eine neue Gewerbeordnung im Norddeutschen Bund führte 1869 sogar zur völligen Gewerbefreiheit.

In der folgenden Krisenzeit suchte das Handwerk nach mehr Geschlossenheit durch neue Organisationsformen. Unterstützt durch ein Reichsgesetz zur Abänderung der Gewerbeordnung (1897) kam es schließlich wieder zu einer strengeren Ordnung. In der Folge wurde im Jahr 1900 die Handwerkskammer Braunschweig gegründet. Es entstand eine Konkurrenzsituation zwischen Industrie und Handwerk, in der das Handwerk häufig unterlegen war.

Daneben entstanden neue Gewerke, wie Reparaturhandwerke, die erst durch die Industrie hervorgerufen wurden. Zwischen 1850 und 1860 kam es zu einer regelrechten Welle von Fabrikgründungen. Zudem zogen Firmen aus anderen Städten aufgrund der inzwischen guten Bahnanbindung nach Braunschweig, wie beispielsweise 1849 die optische Firma Voigtländer aus Wien.

Die Handwerkskammer Braunschweig hat ihren Sitz am Burgplatz 2a im sogenannten Hunebostelschen Haus. Dieses prachtvolle Fachwerkgebäude aus dem Jahr 1535 war 1907 am Sack abgerissen worden. Nach Plänen von Stadtbaurat Max Osterloh wurde die reich verzierte Fassade 1911 vor einen Neubau im Hof des Geldhauses gesetzt.

Die Handwerkskammer unterhält heute eigene Berufsbildungsstätten, darunter das Berufsbildungszentrum in Braunschweig, das Bildungszentrum für Steinmetze in Königslutter sowie die Bundesfachschule für Konditorei in Wolfenbüttel. Im Jahr 2017 schlossen sich die Handwerkskammern Braunschweig, Lüneburg und Stade mit insgesamt 29.000 Betrieben und 155.000 Beschäftigten zusammen. Im April 2026 vereinbarte dieser Verband einen weiteren, noch größeren Zusammenschluss mit der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen.

Diese „Super-Handwerkskammer“ wird künftig 36.000 Betriebe mit rund 186.000 Beschäftigten umfassen. Ab 2027 soll sie als eine der größten Handwerkskammern Deutschlands für 20 Landkreise in Niedersachsen zuständig sein. Hintergrund dieser Entwicklung sind steigende Anforderungen an das Handwerk, insbesondere der Fachkräftebedarf, die digitale Transformation sowie wachsender Wettbewerb.

Textquellen:
1.    Traupe, K. „Handwerkskammer" in Braunschweiger Stadtlexikon, Hrsgb.: Camerer, L, Garzmann, M. R.W. und Schuegraf, W.-D., Heinrich-Meyer-Verlag, Braunschweig 1992
2.    Pingel, N.-M. „Handwerker-Lehrlingsheim“ in Braunschweiger Stadtlexikon, Ergänzungsband, Hrsgb.: Garzmann, M. R.W. und Schuegraf, W.-D., Heinrich- Meyer-Verlag, Braunschweig 1996
3.    Schweiger, A.: „Niedersachsen bekommt Super-Handwerkskammer“ in Braunschweiger Zeitung vom 17.04.2026