1900 Einweihung des neuen Rathauses
Wie in vielen deutschen und europäischen Städten nahm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bedingt durch Industrialisierung und Bevölkerungswachstum, auch in Braunschweig die kommunale Verwaltungstätigkeit zu. Der Platz im Stadthaus in der Kleinen Burg reichte nicht mehr aus. Einzelne Verwaltungszweige mussten aushilfsweise in anderen städtischen Gebäuden untergebracht werden (Städtischer Verwaltungsbericht 1896/1901, S. 17).
1890 erreichte Braunschweig mit 100.000 Einwohnern den Status einer Großstadt. Am 3. Juli 1890 (Prot. Stadtv. 3.7.1890, S. 159 ff.) genehmigte die Stadtverordnetenversammlung das von der Städtischen Bauverwaltung erstellte Bauprogramm für ein dreigeschossiges neues Rathaus. Der Entwurf für den Neubau zwischen Dankwardstraße und Langer Hof wurde ohne Wettbewerb dem Stadtbaurat Ludwig Winter übertragen, der auch eine Informationsreise nach Belgien und England unternahm.
Im Juni 1892 stand fest, dass die Hauptfront mit dem Haupteingang am Langen Hof liegen wird. Über dem Haupteingang war der im Zweiten Weltkrieg zerstörte „Hauptraum des Gebäudes, der Sitzungssaal der Stadtverordneten“ (Prot. Stadtv. 30.6.1892, S. 180) vorgesehen. 1893 begannen die Ausschachtungen auf dem Bauplatz. Im Oktober des Jahres waren die Grundmauern bereits bis zur Höhe des Erdbodens gewachsen (Braunschweigische Anzeigen, 11.10.1893). Im August 1894 erfolgte der Aufbau des Gerüstes für den Bau der Vorderseiten (Braunschweigische Anzeigen, 18.8.1894). 1895 konnte noch vor Eintritt des Winters der zweite Stock im Rohbau vollendet werden (Braunschweigische Anzeigen, 25.10.1895).
Am 9. August 1896 informierten die „Braunschweigischen Anzeigen“ unter „Bauangelegenheiten“: „Der neue Rathausbau ist im Laufe des Sommers so weit gefördert, daß mit der Errichtung des eisernen Dachstuhls der Anfang gemacht werden konnte.“ 1897 folgte die Eindeckung der Dächer (Städtischer Verwaltungsbericht 1896/1901, S. 17). Der 61 m hohe Hauptturm des Rathauses wurde Ende März 1898 mit einem vergoldeten, weithin sichtbaren Knopf gekrönt (Braunschweigische Anzeigen, 30.3.1898). Im November und Dezember 1899 erfolgte die Übersiedlung der Dienststellen, darunter auch der Bauverwaltung, in die neuen Geschäftsräume. Die Einweihungsfeier des neuen Rathauses fand am 27. Dezember 1899 statt.
Für Stadtmagistrat und Stadtverordnete war es selbstverständlich, dass – wie Oberbürgermeister Wilhelm Pockels im Januar 1894 bei einer anstehenden Kostenerhöhung zu verstehen gab – das Rathaus „bei seiner Bedeutung als Sitz und als Mittelpunkt der gesamten städtischen Verwaltung in einer architektonisch hervorragenden Gestalt errichtet werden müsse“ (Prot. Stadtv. 11.1.1894, S. 264). Zu dieser bürgerlichen Selbstdarstellung gehörte auch, nicht zuletzt wegen der Nachbarschaft von Dom und Burg, dass die Frontseiten und die von der Straße sichtbaren Außenseiten des Rathauses als Quaderbau ausgeführt wurden und nicht in Backstein, wie etwa beim Roten Rathaus in Berlin (Prot. Stadtv. 18.6.1891, S. 262). „Sämtliche Räume wurden im Sinne eines Gesamtkunstwerkes neugotisch ausgestattet, und zwar in der akademischen, an sakraler Hochgotik orientierten Art, wie sie nach 1900 bei Profanbauten allmählich ‚unmodern‘ wurde.“
Und doch zog Monika Lemke-Kokkelink 1993 bei der Würdigung von Stadtbaurat Ludwig Winter anlässlich seines 150. Geburtstages eine durchaus positive Bilanz: „Als Gesamtkomposition mit der Burg Dankwarderode in ‚stilreinem‘ Historismus wirkte Winters Gestaltungskonzept aber überzeugend.“ (Ludwig Winter …, S. 56)
Quellen und Literatur
Prot. Stadtv.: Verhandlungen der Stadtverordneten zu Braunschweig in den Jahren 1890, 1891,1892, 1894
Die Stadt Braunschweig in der Zeit vom 1. April 1896 bis zum 31. März 1901. Verwaltungs=Bericht des Stadtmagistrats. Braunschweig 1901.
Braunschweigische Anzeigen, Jahrgänge 1893, 1894, 1895, 1896, 1898
Ludwig Winter (1843-1930). Stadtbaurat und Architekt des Historismus in Braunschweig. Bearbeitung: Monika Lemke-Kokkelink. Braunschweig 1993 (Braunschweiger Werkstücke Bd. 86).
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